(c) Daniel Baker
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Widerstand und die Entstehung einer Roma-Ästhetik

Gastkommentar von Daniel Baker


Reflexionen

Historisch betrachtet ist die Roma-Ästhetik nirgends so offenkundig wie im häuslichen Bereich. Dort rufen Objekte dank ihres Vermögens, vielfältige Zwecke zu erfüllen, Wertschätzung und Bewunderung hervor.

Diese Zweckvielfalt spiegelt sich in der großen Sorgfalt wider, die auf die oft kunstvolle Verzierung von Gebrauchsgegenständen mit Bildzeichen und Symbolen verwendet wird – Zeichen, die Alltagsgegenstände in Spiegelbilder von Leben und Werten der Roma verwandeln.

Insofern wirkt die Roma-Ästhetik quer durch Kunst- und Lebenspraxis. Diese Feststellung soll kein romantisches Ideal skizzieren, sondern eine Überlebensstrategie beschreiben, die in Zweckmäßigkeit und Innovationskraft wurzelt.

Als vergangene Avant-Garde-Bewegungen die Roma-Kultur für ihre scheinbar mühelose Kreativität bewunderten und in einer gegen Konvention gerichteten Haltung den Roma-Stil schamlos nachäfften, wollten sie sich nicht auf eine einzigartige künstlerische Leistung, sondern auf eine von kreativen Handlungen, Energien und Widerständen durchdrungene Lebensweise berufen. Denn historisch sind Kunst und Leben in der Kultur der Roma untrennbar miteinander verwoben – die künstlerische Praxis ist zu tief in den größeren gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Raum eingeflochten, um als eigenständiger Bereich zu bestehen.

Diese gegenseitige Abhängigkeit von Gesellschaftlichem und Künstlerischem ist in „Roma Visuality“ – oder den gemeinsamen Eigenschaften von Objekten, die aus Roma-Gemeinschaften stammen bzw. dort verbreitet sind – stets implizit. Zu solchen Objekten zählen von Roma hergestellte oder hochgeschätzte Artefakte wie Werkzeuge, Textilien, Spielzeuge und andere Alltagsgegenstände, insbesondere jedoch der Schmuck des Wohnraums. Hier steht die Familie an erster Stelle und verlangt eine besondere Zuwendung, die über alles andere hinausgeht. Hier erlangen alle Elemente tiefe ästhetische Bedeutung und visuelles Interesse. Die gemeinsamen Charakteristika, auf die man in diesem Umfeld stößt, könnte man durchaus als einen „Roma-Stil“ bezeichnen, der – wenn man ihn über das Gebiet des Visuellen hinaus um andere Formen der Sinneswahrnehmung erweitert – die Grundlagen einer „Roma-Ästhetik“ bildet.

Die Innovationskraft, die sich in der Kreativität der Roma offenbart, spiegelt einen Pragmatismus wider, der selbst einer Geschichte der Marginalisierung entspringt. Das Leben am Rand der Gesellschaft hat das Verständnis der Roma vom Wert der Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit geprägt – kontingente Eigenschaften, die nach wie vor die Entwicklung der Roma-Ästhetik beeinflussen und so eine Reihe von Werten hervorbringen, die regelmäßig durch visuelle und andere sensorische Kennzeichen inszeniert werden. Das Denken hinter dem Augenmerk, das Roma auf Strategien des Visuellen und der Darbietung legen, wird deutlicher, wenn man sich das historische Nichtvorhandensein einer literarischen Tradition in ihrer Welt und die daraus resultierenden Auswirkungen auf individuelle Lese- und Schreibfähigkeit vergegenwärtigt. Diese miteinander verbundenen historischen Faktoren prägen weiterhin das scharfe visuelle Empfindungsvermögen der Roma wie auch ihr komplexes ästhetisches Vokabular, mit dem sie die visuelle Zurschaustellung in den Mittelpunkt ihrer kulturellen Narrativik setzen. Dies zeigt sich nicht nur in der bildenden Kunst, sondern auch in den Bereichen der darstellenden Kunst einschließlich Tanz, Lied, Geschichtenerzählen und mündlicher Geschichtsüberlieferung.

 

Handlungen

Meine Beobachtungen zur Roma-Ästhetik gehen auf meine Interessen als Künstler und Wissenschaftler zurück. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts fiel mir schlagartig auf, dass es keine formale Analyse der visuellen Kultur der Roma gab – ein Mangel, der die mangelnde Sichtbarkeit der Roma in der Gesellschaft widerzuspiegeln schien. Diese Leerstelle gab mir zu verstehen, dass zwischen kultureller Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Handlungsmacht der Roma ein direkter Zusammenhang besteht, und hat mich veranlasst, meine Forschung zu vertiefen.

In den Jahren 2006 und 2007 war ich an zwei bedeutsamen Roma-Projekten der bildenden Kunst beteiligt: „No Gorgios“[1], für das ich als Kurator tätig war, und „Paradise Lost“[2], für das ich als Aussteller tätig war – das erste ein von der Community ausgehender, basisgetriebener Querschnitt von Roma-Kunst aus dem Vereinigten Königreich, der in London präsentiert wurde, das zweite eine öffentlichkeitswirksame Werkschau von Roma-Künstlern aus ganz Europa als Teil des renommiertesten Kunstschaufensters unserer Zeit: der Biennale von Venedig.

Diese beiden Projekte lieferten gleichsam eine Momentaufnahme zeitgenössischer künstlerischer Praxis der Roma. Meine nachträgliche Analyse von Objekten aus der Schau in London bildete die Forschungsgrundlage für meine Dissertation über „Roma Visuality“, während die Ausstellung in Venedig bereits einige meiner Arbeiten einbezog, die im Zusammenhang mit meinen anfänglichen Forschungsergebnissen entstanden waren. Die in „No Gorgios“ gezeigten Techniken, Erzählungen und Themen wurden im Großen und Ganzen in „Paradise Lost“ gespiegelt. Unter der eklektischen Mischung von Medien fanden sich Fotografie und Video neben traditionellen künstlerischen Ausdrucksformen der Roma wie Malerei, Näharbeit, Metallarbeit und Schnitzerei.

"Peg knife" by Frank Smith; mixed media;  20cm x 2cm x 3cm; (c) Daniel Baker
“Peg Knife” by Frank Smith; mixed media;
20cm x 2cm x 3cm; (c) Daniel Baker

Die Londoner Ausstellung zeigte beispielsweise bemalte Vertäfelungen aus dem Innern eines Wohnwagens, Blumen aus Metallgewebe, den Holocaust darstellende Collagen, gestrickte Decken, Kleiderhaken aus Holz und die maßgefertigten Messer, mit denen diese geschnitzt werden.

"Pegs, wood and recycled aluminium cans" by Mick and Susie Darling (2006); 15cm x 2cm x 2cm; (c) Daniel Baker
“Pegs, Wood and Recycled Aluminium Cans” by Mick and Susie Darling (2006); 15cm x 2cm x 2cm; (c) Daniel Baker

 

"Woolwork" by Celia Baker (2006); Acrylic yarn, 200cm x 180cm; (c) Daniel Baker
“Woolwork” by Celia Baker (2006); acrylic yarn; 200cm x 180cm; (c) Daniel Baker

Utensilien des ländlichen und häuslichen Lebens wurden häufig dargestellt und kombiniert, um starke Assoziationen mit Freiheit und der Natur wie auch mit Familienleben, Gemeinschaft und sozialer Ungerechtigkeit herzustellen.

Viele Exponate wiesen eine Vielseitigkeit auf, dank derer sie gleichzeitig unterschiedliche Bereiche besetzen konnten. Sinnfällig wurde dies meist in einer Kombination aus Funktionalität und Ornamentierung:

Indem man Gebrauchsgegenstände wie Werkzeuge oder Wolldecken mit Mustern und Symbolen verziert, werden sie in Orte künstlerischen Labsals und Quellen kultureller Erzählung verwandelt und erhalten erweiterte Verwendungsmöglichkeiten.

(c) Daniel Baker
“Flowers” by Paula Stanford (2005); metallic fabric and wire; 30cm x 12cm x 12cm; (c) Daniel Baker

In den ausgestellten Gebrauchsgegenständen offenbarte sich regelmäßig eine übertriebene Opulenz, vermittelt durch üppige Verzierungen und glänzende Materialien, welche die Aufmerksamkeit gleichermaßen auf sich ziehen wie von sich lenken.

Solche Wirkungen werden auch durch kontrastreiches Aufeinandertreffen von stofflicher Beschaffenheit, Muster und greller Farbe erzielt – ins Auge springende Effekte, die uns gleichzeitig faszinieren und irritieren.

Manche Objekte suggerierten dem Betrachter mehr als eine Verwendungsmöglichkeit, indem sie verschiedene Funktionen nahelegten – ein Mechanismus des Widerstands, den man am deutlichsten bei Simon Lees Tiergriff-Steinschleudern nachvollziehen konnte, die zugleich Spielzeuge und Waffen sind.

"Animal Catapults" by Simon Lee; mixed media, 16cm x 7cm x 4cm; (c) Daniel Baker
“Animal Catapults” by Simon Lee; mixed media;
16cm x 7cm x 4cm; (c) Daniel Baker

Meine Forschung zur visuellen Kultur der Roma hat einige wichtige Elemente identifiziert, die im Zusammenspiel die Grundlage der Roma-Ästhetik bilden. Zusammengefasst zählen Gemeinschaft, Familie, Freiheit, soziales Geschlecht, Zuhause, Widerstand, Tradition sowie Tier-und Pflanzenwelt zu den Kernthemen. Zu den Hauptcharakteristika gehören Anpassungsfähigkeit, Faszination, Uneinigkeit, Funktionalität, Unterbrechung, Ornament, Performativität und Reflexion.

 

Geschichten

Im Mittelpunkt meiner Forschung stehen in Roma-Gemeinschaften verbreitete Artefakte, gefertigt von Menschen, die sich nicht unbedingt als Künstler oder Kunstschaffende verstehen. Doch wie manifestieren sich die Elemente der Roma-Ästhetik bei Tätigkeiten, die gemeinhin als künstlerische Tätigkeiten angesehen werden? Wie verhält es sich beispielsweise in der Tradition der Roma-Malerei, der seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert wachsende Anerkennung zuteil wird? Dieses reichhaltige und umfangreiche Œuvre – mangels dauerhaften Ausstellungsplatzes zu einem großen Teil noch immer ungezeigt – wird zu Recht als wichtiges kulturelles, künstlerisches und politisches Dokument angesehen, da es beständig die unmittelbare Erfahrung der Roma schildert.

Die beherrschenden Themen der Roma-Ästhetik werden hier narrativ-bildlich dargestellt, anstatt durch direkten Körperkontakt erlebt zu werden. Themen von z.B. Gemeinschaft und Familie werden durch visuelles Geschichtenerzählen anstatt auf dem Wege direkten Erlebens vermittelt: Gemälde erzählen von der Behaglichkeit und Anpassungsfähigkeit im Familien- und Gemeinschaftsleben, während uns materielle Gegenstände wie Decken und Werkzeuge diese Behaglichkeit und Anpassungsfähigkeit durch multisensorische Interaktion nachempfinden lassen.

Narrative Bilddarstellungen erfüllen noch eine andere zentrale Funktion. Durch die Hervorbringung visueller Historien decken sie nicht nur Ausgrenzungen der Roma von der Geschichtsschreibung auf, sondern schaffen auch unsere eigenen alternativen Aufzeichnungen. Diese autobiografischen Gesten des Widerstands, wie z.B. in den Werken von Kiba Lumberg sowie Damian und Delaine Le Bas anzutreffen, möchten das Übersehene sichtbar machen, möchten verdinglichen, was in den Literaturen, auf denen die Gesellschaft gründet, vorenthalten wird. Dieser Hunger nach Bildern unserer Gemeinschaft spiegelt sich in unserer Faszination am fotografischen Bild, wo immer es Menschen und Landschaften abbildet, die Familiengeschichten und kulturelle Erzählungen der Roma stützen.

Widerstand durchzieht die Roma-Ästhetik nach wie vor als wiederkehrendes Element. In der Malerei ist dies in den autobiografischen Arbeiten von Omara erkennbar:

"Little Mara in First Grade" by Omara; Oil on Fibreboard;  (c) Daniel Baker
“Little Mara in First Grade” by Omara; Oil on Fibreboard; (c) Daniel Baker

Sie beschreiben ein lebenslanges Ringen um die Gleichberechtigung der Künstlerin und ihrer Familie angesichts einer Flut herabwürdigender und diskriminierender Angriffe des ungarischen Establishments.

Die Gemälde von Shamus McPhee zeigen Familien aus Vergangenheit und Gegenwart zusammen mit den Baracken, die einige, McPhees eingeschlossen, immer noch auf dem verwahrlosten, von der Kreisbehörde zur Verfügung gestellten Gelände Bobbin Mill in Schottland bewohnen.

(c) Daniel Baker
“Bobbin Mill in the snow” by Shamus McPhee (2000)
Oil on board I 60cm x 85cm; (c) Daniel Baker

Das Gelände war Teil eines Assimilierungsexperiments, das die schottischen Behörden ab Mitte der 1950er Jahre durchführten, um die schottische Gypsy Traveller Community durch einen Prozess kultureller Selbstverleugnung zu unterdrücken, was für die betroffenen Familien Jahrzehnte des Kampfes zur Folge hatte. Trotz aller Widrigkeiten schöpfen sowohl Omara als auch McPhee weiterhin aus ihrer Lebenserfahrung und schaffen Kunstwerke, die integrale Bestandteile ihres Strebens nach kultureller Sichtbarkeit, Anerkennung und Gleichberechtigung sind.

McPhees Gemälde wurden in der Ausstellung „No Gorgios“ neben den amorphen Strickarbeiten von Celia Baker  und den aufwendig genähten Patchwork-Steppdecken von Trish Wilson gezeigt – Werke, die die Entstehung meiner „Decken“-Reihe angestoßen haben, die ihrerseits die Mechanismen des Schutzes durch Gegenüberstellung von Zeigen und Verbergen erkundet.

"Surveillance Blanket" by Daniel Baker (2008); gilded polythene;  4m x  3m; (c)  Danel Baker
“Surveillance Blanket” by Daniel Baker (2008); gilded polythene; 4m x 3m; (c) Daniel Baker

Die Arbeiten von Celia Baker wie auch von Trish Wilson kombinieren visuelle und materielle Signifikate der Roma-Ästhetik, um widerstandsfähige Objekte zu produzieren, die zugleich den häuslichen, den gemeinschaftlichen und den politischen Raum besetzen.

Verschiedenartige Materialreste werden in diesen Objekten zusammengeführt, um inmitten von Netzen der Verschiedenheit, die sich mehr oder weniger harmonisch zusammenfügen, eine Art Verbundenheit und Schutz zu bieten – ein beredtes Bild des Weges, den wir als Roma weiterhin befahren.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Christoph Erlenkamp

 


1. Appendix 8, Gypsy Visuality: Gell’s Art Nexus and Its Potential for Artists, PhD thesis, Royal College of Art, 2011.


2. https://www.opensocietyfoundations.org/sites/default/files/paradise_20090615.pdf

Daniel Baker ist Künstler, Kurator und Wissenschaftler.

Baker ist ein in Kent (UK) geborener „Romani Gypsy“. Er erwarb seinen Doktortitel am Royal College of Art, London, mit einer Dissertation zur Roma-Ästethik. Er war als Aussteller und Berater beim ersten und zweiten Roma-Pavillon „Paradise Lost“  und  „Call the Witness“  bei der 52. und 54. Biennale in Venedig tätig. Bakers Kunst und Schriften untersuchen die Rolle der Kunst in der Inszenierung gesellschaftlichen Wirkens. Seine Werke sind in verschiedenen Sammlungen in Europa, Amerika und Asien zu sehen. Baker lebt und arbeitet derzeit in London. Er ist Mitglied der jeweiligen Arbeitsgruppen der Archivbereiche Bildende Kunst und Tanz bei RomArchive.

Besuchen Sie die Website von Daniel Baker.

 
 

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